Druckschrift oder Schreibschrift

Das Schreiben mit der Hand hinterlässt Spuren im Gehirn. Doch womit beginnen? Mit Bleistift per Druckschrift ins S.1? Oder gleich Füllfeder, Schreibschrift und S.2? Eine erfahrene Volksschullehrerin hat es für dich getestet:

Außer Zweifel steht, dass das Formen von Buchstaben mit der Hand viele Bereiche im Gehirn aktiviert. Deshalb sollte dem Schreiben mit Stift auf Papier trotz aller Digitalisierung viel Zeit gewidmet werden. Schließlich sollten sich am Ende der vierten Klasse alle Volksschüler:innen eine leserliche, individuelle Handschrift angeeignet haben.

Eine unsichere, verkrampfte Handschrift ist nicht nur schwieriger zu lesen, sie kostet den Schreibenden auch Arbeitszeit. Haben Kinder noch keine flüssige Handschrift entwickelt, müssen sie sich zu sehr auf diese Fertigkeit konzentrieren und der Inhalt bleibt auf der Strecke. Außerdem haben sie meist Probleme mit dem Arbeitstempo.

Eine schnelle und sorgfältige Schrift jedoch hinkt den Gedanken des Schreibenden nicht hinterher. So können Ideen besser verschriftlicht werden, bevor man sie vergisst.

Meine Erfahrungen decken sich mit Studien, die zeigen, dass eine sichere, sorgfältige Schrift auch direkten Einfluss auf das Rechtschreibwissen und die Lesefertigkeiten hat.  Ein deutlich geschriebenes Wort hinterlässt einfach ein eindeutigeres Bild im Kopf, das Wortbild wird besser abgespeichert.

Außerdem hat sich in meinen Klassen oft gezeigt, dass sich Schüler:innen Inhalte besser und genauer merken, wenn sie eine schöne Handschrift besitzen.

Der Startschuss: Druck- oder Schreibschrift?

Es gibt für beide Herangehensweisen Argumente und diese muss jede Lehrperson für sich abwägen. Relevant sind außerdem die Vorerfahrungen der Schulneulinge im Schreiben.

Das Erlernen der Schreibschrift stellt erhöhte Anforderungen an die Feinmotorik und die koordinativen Fähigkeiten. Sind die Kinder graphomotorisch noch unerfahren, kann das Erlernen der Schreibschrift im ersten Schuljahr zu einer Überforderung führen.

Ich habe in den vielen Jahren als Klassenlehrerin in den ersten Klassen immer mit der Druckschrift begonnen. Eine Kollegin an meiner Schule hat jedoch heuer in ihrer ersten Klasse mit der Schreibschrift gestartet und hat nur Positives zu berichten. Daher muss das wirklich jeder Volkschullehrer, jede Volksschullehrerin für sich und seine bzw. ihre Klasse selbst entscheiden.

Was spricht (für mich) für die Druckschrift in der ersten Klasse?

  • Da Druckbuchstaben die Kinder im Kindergartenalter weitaus häufiger umgeben als Buchstaben in der Schreibschrift, ist deren Wiedererkennungswert höher. In Büchern, die ihnen vorgelesen werden oder die sie selbst durchblättern, auf Supermarkt-Schildern, Verpackungen von Lebensmitteln oder Spielzeug und vielem mehr, überall können die Kinder Druckbuchstaben entdecken und wiedererkennen. Die Vorerfahrungen mit Druckbuchstaben sind auf alle Fälle eher gegeben, egal, ob das Kind schon ein wenig schreiben und lesen kann oder nicht.
  • Eventuell nutzen die Kinder die Druckbuchstaben schon vor dem Schuleintritt bei ihren ersten Schreibversuchen spontan selbst. Sie schreiben vielleicht Buchstaben oder Wörter von einer Vorlage ab oder lassen sich diese vorschreiben.
  • Die Druckschrift ist die gleiche Schriftart, in der die Kinder, parallel zum Schreiben, das Lesen lernen. Lesen und Schreiben mit zwei unterschiedlichen Systemen zu erlernen, erscheinen mir unnötig kompliziert. Das Lesen- und Schreibenlernen gehören für mich eng zusammen.
  • Druckbuchstaben sind, meiner Erfahrung nach, für Schulneulinge einfacher zu erlernen. Da wir ja vor dem ersten Schultag im September der ersten Klasse noch sehr wenig über die graphomotorischen Fähigkeiten unserer Schüler:innen wissen, können wir einfach nicht davon ausgehen, dass die Feinmotorik bei allen Kindern schon so weit entwickelt ist, die Schreibschrift zu erlernen.
  • Ich finde es essenziell, dem bewegungsrichtigen Schreiben beim Erlernen der Druckbuchstaben sehr viel Zeit zu widmen. Das Kugerl von a, O o, g, d, q müssen bei mir oben geschlossen werden, das M muss oben begonnen werden usw. Der Zeitaufwand, das Loben der richtig geschriebenen Buchstaben, das Verbessern der nicht so sorgfältig geschriebenen Buchstaben lohnt sich wirklich. Ich markiere den schönsten Buchstaben der Zeile mit einem Herz, Stern oder einer Krone. Meiner Erfahrung nach sind durch das konsequente Trainieren der richtigen Schreibrichtung, als toller Nebeneffekt, Verwechslungen von b und d beispielsweise viel seltener, weil b „ hinunter, hinauf, kleiner Bauch“ und d „Kugerl, langer Strich“ geschrieben wird.
  • Ist die richtige Schreibrichtung beim Schreiben der Druckbuchstaben gesichert, fällt den meisten Kindern das Erlernen der Schreibschrift leicht.
  • Ein weiteres Argument gegen die Schreibschrift in der ersten Klasse ist, dass für das Erlernen dieser in der zweiten Schulstufe genügend Zeit zur Verfügung ist. Egal, ob man eine graphomotorisch starke oder schwache Klasse hat, bis zum Ende der zweiten Klasse ist es, nach der Wiederholung der Druckbuchstaben nach den Sommerferien, zeitlich auf alle Fälle möglich, die Schreibschrift zu erarbeiten. Individuelle Erarbeitung oder gemeinsam, ein Buchstabe pro Woche oder mehrere, das sind wieder persönliche Entscheidungen der Lehrkraft.
  • Auf der zweiten Schulstufe die Schreibschrift zu erlernen, war für meine Klassen immer etwas Besonderes. Die Kinder waren stets motiviert und stolz.

Hurra, du kannst alle Buchstaben schreiben!

Meilensteine sind es wert, gefeiert zu werden. Deshalb wird in meiner Schule im Juni immer mit den ersten Klassen ein gemeinsames Buchstabenfest vorbereitet und durchgeführt.

Selbst, wenn sich Qq oder Yy nicht bis Juni ausgegangen sind, völlig egal, das Fest kann trotzdem gefeiert werden.

Bei Schönwetter kann das Buchstabenfest eventuell im Schulhof oder im angrenzenden Park stattfinden. Zum Abschluss bekommen alle Erstis eine „Du kannst jetzt alle Buchstaben schreiben und lesen!“ Urkunde oder einen Orden.
Natürlich kann man diese Idee auch nach dem Abschluss aller Schreibstift-Buchstaben umsetzen.

Stift & Heft – die idealen Partner

Es beginnt mit dem Bleistift

In der ersten Klasse schreiben die Schüler:innen bei mir in den Heften und auf Arbeitsblättern ausschließlich mit Bleistift (HB oder 2).

Die Wahl des „richtigen“ Bleistifts ist eine sehr individuelle Entscheidung. Die Auswahl ist groß: dünn, dick, dreiflächig, sechseckig oder rund, mit oder ohne Mulden, für Rechtshänder, Linkshänder. Druckbleistifte und zu kurze Bleistifte finde ich persönlich, auch noch in der vierten Schulstufe, ungeeignet.

Zur Verbesserung der Stifthaltung kann man auch eine Stiftverdickung zum Aufstecken, einen Haargummi, eine Murmel, ein Gummiringerl oder eine Foldback-Klammer benutzen.

So wie es nicht die eine, richtige Stifthaltung gibt, gibt es auch nicht den einen, richtigen Bleistift. Jedes Kind sollte verschiedene Bleistifte ausprobieren dürfen und sich einen aussuchen, mit dem es sich wohl fühlt und eine sorgfältige Schrift entwickeln kann.

Endlich eine Füllfeder!

In der 2. Klasse, spätestens rund um Weihnachten, besorgen bei mir die Klassen-Eltern eine Anfänger-Füllfeder. Dann starten meist alle Kinder in den Heften mit der heißersehnten Füllfeder. Ich berate die Eltern diesbezüglich schon am Elternabend im September. Bei diesem Thema bin ich der Meinung „Wer billig kauft, kauft teuer.“. Natürlich sollte die Füllfeder dem Kind auch optisch gefallen. Es gibt schon so viele unterschiedliche Modelle und Farben. Allerdings sollte es eine qualitativ gute Anfänger-Füllfeder sein. Diese können die Kinder viele Jahre benutzen. Oft sind, zum Beispiel in fertig gefüllten Federpennalen, sehr schlechte Füllhalter enthalten, mit denen man nicht lange Freude hat.

Auch die Wahl der richtigen Füllfeder ist eine sehr persönliche Entscheidung.

Alternative: Tintenroller

Tintenroller sind für Kinder, die noch keine ausreichend gute Schreibmotorik entwickelt haben, eine ganz tolle Alternative zur klassischen Füllfeder. Der Tintenroller kann auch als Vorstufe zur motorisch etwas anspruchsvolleren Füllfeder genutzt werden.

Beim Schreiben mit einer guten Füllfeder/ Tintenroller muss man, anders als zum Beispiel beim Kugelschreiber, nicht aufdrücken, da die Tinte von selbst auf das Papier läuft. Das entlastet die Hand und fördert zugleich den Schreibfluss.

Für die meisten Kinder ist das Schreiben mit der Füllfeder ein besonderes Schreibgefühl, ein schönes Schreiberlebnis. Meine Schulkinder waren stets sehr stolz auf ihre Füllfeder und darauf, endlich damit schreiben zu dürfen.

Ein „Füllfeder- Führerschein“ ist auch ein Anreiz für die Kinder, wertschätzend und gewissenhaft mit ihrem neuen Schreibgerät umzugehen.

Da das Verbessern von Fehlern mit dem Tintenlöscher mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Wegradieren von Bleistiftlinien, werden die Kinder automatisch motiviert, Schlampigkeitsfehler zu vermeiden. Beim Benutzen der Füllfeder arbeiten die Kinder, meiner Erfahrung nach, deshalb noch sorgfältiger und die Konzentration wird gefördert.

In welche Hefte schreiben wir?

Ich bin ein Fan von Heften, da sie dem Gelernten, dem Schreiben eine größere Wertigkeit geben, als beim Arbeiten auf Arbeitsblättern.

Das gesamte erste Schuljahr hindurch verwende ich für das Erlernen der ganzheitlichen Lernwörter nach der Methode von Marlene Walter bzw. Marion Bergk glatte A4-Hefte. Darin finden die Kinder genügend Platz, die Wortkärtchen einzukleben und danach die Wörter zuerst groß, dann kleiner zu schreiben, passende Bilder zu zeichnen und die ersten individuellen Sätze zu verfassen. Meine Parallel-Kollegin bevorzugt dafür jedoch das Formati C.1 Heft, das je eine glatte Seite und eine Seite liniert mit Hilfslinien kombiniert.

Für andere Schreibübungen starte ich mit dem Formati S. 1, weil die meisten Kinder in der Anfangszeit noch größere Linienabstände brauchen. Das Querformat ermöglicht größere Abstände zwischen Grund- und Hilfslinien. Ich halte nichts davon, die ersten Schreibversuche in enge Linienabstände zu quetschen, denn der Großteil der Klasse schreibt in dieser Phase noch ausladender.

Sobald ein Kind zierlicher schreibt, verwendet es das Formati S. 3, die Lineatur ist ja dieselbe, wie im S.1 nur schon etwas enger, dafür mit einer Zeile mehr pro Seite.

Wenn der Umfang der Hefteinträge steigt, wird auf der linken Seite die Schulübung und auf der rechten Seite der Doppelseite die Hausübung verfasst. Dies finde ich besonders für Abschreibübungen sehr praktisch.

Im 2. Semester oder spätestens in der zweiten Klasse steigen wir auf das Formati S. 2 um. Die visuelle Unterstützung durch die Lineatur ist für die meisten Kinder auch in dieser Phase noch wichtig, besonders beim Erlernen der Schreibschrift, nun aber schon im Quartformat.

Manche Schüler:innen können sicher auch in der 2. Klasse schon auf das Formati S.4 umsteigen. Dieses nähert sich schon den klassischen linierten Seiten an, unterstützt die Kinder aber immer noch durch farblich hinterlegte Räume zwischen den Zeilen und einer dickeren Grundlinie.

Für das Lernwörtertraining mag ich das „Wolkenheft“ W.6 sehr. Für das Verfassen von Texten fällt meine Wahl auf das Formati C.2 oder C.4, wo Zeichnen und Schreiben auf jeder Doppelseite kombiniert werden kann.

Geschrieben von: Angela Bognar

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