Lesen zu lernen ist für Grundschulkinder ein großer und komplexer Entwicklungsschritt. Bevor sie flüssig und sinnentnehmend lesen können, müssen sie sich verschiedene grundlegende Fähigkeiten aneignen. Dazu gehören unter anderem das Erkennen von Buchstaben, das Zusammenziehen von Lauten sowie erste Strategien zum Textverständnis.

Mindestens ebenso wichtig wie diese technischen Grundlagen ist jedoch die Freude am Lesen. Nur wenn Kinder positive Leseerfahrungen machen und sich als kompetent erleben, entwickeln sie eine nachhaltige Lesemotivation.
Am Beginn steht die Laut-Buchstaben-Zuordnung
In der 1. Klasse steht zunächst die sichere Laut-Buchstaben-Zuordnung im Mittelpunkt des Leseunterrichts. Sie bildet eine zentrale Grundlage für die weitere Leseentwicklung und ist entscheidend dafür, dass Kinder später flüssig und mit Verständnis lesen können. Diese Zuordnung muss daher sorgfältig aufgebaut und gefestigt werden.
Ob die Laut-Buchstaben-Zuordnung bereits sicher beherrscht wird, lässt sich gut durch das Lesen von Silbenteppichen (auf einfacherem Niveau) sowie von Pseudowörtern (auf anspruchsvollerem Niveau) überprüfen. Da diese Wörter keine Bedeutung tragen, liegt der Fokus ausschließlich auf der Lesetechnik.

Bis Anfang März haben wir bereits 19 Laute und Lautverbindungen erlernt. Neben der weiteren Automatisierung der Lesetechnik fließt nun zunehmend auch das Leseverständnis in unseren Unterricht ein.
So motiviere ich zum Lesen
Lesepatin
Unterstützung bei der individuellen Überprüfung der Lesetechnik erhalte ich durch unsere Lesepatin, die einmal wöchentlich mit den Kindern liest. Für die Schüler:innen ist es besonders motivierend, jemandem einen vorbereiteten Text vorlesen zu dürfen. Diese positiven Leseerfahrungen stärken das Selbstvertrauen und fördern nachhaltig die Lesemotivation.
Lesespurgeschichten
Lesespurgeschichten sind kurze, spielerische Lesetexte, die Kinder Schritt für Schritt durch eine Geschichte führen. Sie funktionieren wie eine kleine Schnitzeljagd: Die Kinder lesen einen Textabschnitt und achten dabei genau auf Hinweise wie besondere Wörter, Symbole oder Sätze. Diese verraten ihnen, welchen Abschnitt sie als Nächstes lesen sollen. So entscheiden sie selbst über den richtigen „Lesepfad“. Dieses Beispiel stammt von diegrundschultante:

Der besondere Reiz liegt darin, dass genaues Lesen sofort belohnt wird. Sichtbare Erfolge – zum Beispiel markierte Wörter oder richtig gewählte Textstellen – zeigen den Kindern, dass sich Aufmerksamkeit lohnt. Lesespurgeschichten fördern damit nicht nur das Textverständnis, sondern auch Motivation, Konzentration und Freude am Lesen.
Lesespaziergang
Beim Lesespaziergang bewegen sich die Kinder durchs Klassenzimmer und ordnen Texten passende Bilder zu, die zuvor in der Klasse verteilt wurden.
Ihrem Leseniveau entsprechend erhalten die Schüler:innen nun Leseblätter mit Wörtern, Wortgruppen oder Sätzen und suchen das entsprechende Bild dazu. Auf jedem Bild steht ein Buchstabe, eine Zahl oder ein Symbol, das sie auf ihrem Leseblatt notieren. Am Ende entsteht meist ein Lösungswort.

Schatzwörter im Formati S.2
Nach dem Lesen in Büchern halten die Kinder ihre „Neuentdeckungen“ fest. Dafür nutzen wir unser Formati-Heft S.2. In unserer Klasse hat jedes Kind zwei Formati S.2, in die wir abwechselnd unsere Übungen schreiben. Die jeweils letzten drei Seiten eines jeden Heftes, haben wir uns für unsere „Schatzwörter“ freigehalten.

Die Schüler:innen notieren dort Wörter oder kurze Sätze, die ihnen beim Lesen besonders aufgefallen sind, in einer persönlichen Schatzwörterliste.
Diese Sammlung dient zugleich als vorbereitende Übung für das spätere Verfassen eigener Texte. Ganz nebenbei setzen sich die Kinder mit dem richtigen Satzbau auseinander und erweitern ihren Wortschatz. Da sie nur festhalten, was ihnen gefällt oder wichtig erscheint, steigt die Motivation spürbar.
Lesetandems mit der Partnerklasse
Zusätzlich arbeiten wir mit einer Partnerklasse aus der 3. Jahrgangsstufe zusammen. Neben gemeinsamen Aktivitäten und kleinen Aufführungen unterstützen uns die älteren Kinder auch gezielt beim Lernen – unter anderem beim Lesen, etwa im Rahmen von Lesetandems.

Ein Lesetandem ist eine kooperative Methode zur Förderung der Leseflüssigkeit. Dabei arbeiten immer zwei Kinder zusammen: ein stärkeres Lesekind (Trainer:in) und ein noch unsicheres Lesekind (Sportler:in).
Beide lesen denselben Text gleichzeitig laut. Das stärkere Kind gibt das Lesetempo vor und hilft sofort, wenn Fehler passieren. Stockt das schwächere Kind, wird kurz angehalten, das Wort gemeinsam richtig gelesen und dann weitergelesen. In einen kleinen Pass tragen die Trainer:innen ein, wie zufrieden sie mit der Lesefertigkeit des Sportlers/der Sportlerin waren.
Durch das wiederholte, gemeinsame Lesen gewinnt das Kind Sicherheit, Tempo und Genauigkeit.
Fazit
Der Prozess des Lesen-Lernens braucht viel Zeit, Geduld und häufige Wiederholungen. Durch handlungsorientierte Zugänge und spannende Materialien, wie Lesespurgeschichten, Lesespaziergänge und Vorlesen gelingt es, Lesemotivation zu wecken und Kinder fürs Lesen zu begeistern.
Zusätzlich zu den unverzichtbaren Basics der phonologischen Bewusstheit, die dem Leselernprozess vorausgehen dürfen, legt Freude am Lesen die Grundlage dafür, dass Kinder flüssig, sicher und mit Verständnis lesen. Das ist eine Kernkompetenz, die weit über die Grundschule hinauswirkt.
Geschrieben von: Michaela Wieland